Bedingungslos lieben lernen

«Spring auf die Füße,
schwinge deine Fäuste,
drohe dem ganzen Universum
und warne es,

dass dein Herz nicht mehr länger
ohne wahre Liebe leben kann!»
(Hafiz)

Wir spüren bei dem Thema Schmerz und Sehnsucht zugleich:
Die Sehnsucht: Wir wollen bedingungslos geliebt werden, ohne Wenn und Aber, ganz so wie wir sind, ohne uns ver­stellen und verbiegen zu müssen.
Der Schmerz: Wir kennen dieses Gefühl fast nicht, nur Ver­letzungen, als ob unser Charakter ein Panzer all unserer Abwehr-Muster gegen Verletzungen sei, das starr gewordene Schneckenhaus, in das wir uns bei der kleinsten Unsicherheit zurückziehen.

Tatsächlich frage ich mich selbst: Habe ich jemals wirklich bedingungslos geliebt? Hat jemals ein Mensch in meinem Leben sich von mir bedingungslos geliebt gefühlt?! Wahr­schein­lich mache ich mir Illusionen. – Hat mein Sohn mir nicht vor einiger Zeit offenbart, dass er sich nie geliebt gefühlt hat? (Ich war geschockt!) Und natürlich wollte ich in der „Erzieh­ung“ meines Sohnes alles andere machen als meine Eltern (Parole: Lieben statt erziehen!) – und habe feststellen müs­sen, dass dies gar nicht so einfach ist! Da sind Muster, die tief eingebrannt sind, familiäre Brand­marken. Und mir wurde bewusst: Ohne meine Mutter- und Vaterwunden in Ehre und Liebe geheilt zu haben, bin ich nicht frei für jegliche Liebe.

Und das einzige Heilmittel auch für diese Wunden ist: LIEBE.

Und ich sage heute ohne Wenn und Aber: Der Schlüssel für bedingungslose Liebe ist, die eigenen Eltern bedingungslos lieben zu können. Vielleicht ist das sogar das einzige sinnvolle „Erziehungsziel“: Liebe annehmen und schenken zu können. Vor allen Dingen: die wahre Liebe hinter dem oberflächlichen Gezänk wahrnehmen und entfalten zu können.

„Wahre Liebe“ ist das Gegenteil von „bedingter Liebe“. Schon die Redewendung, dass es „wahre Liebe“ gibt, spricht doch dafür, dass es auch „unwahre Liebe“ geben muss: Pseudo-Liebe, Liebe als Tausch für des anderen Leistungen: Wenn du brav bist, liebe ich dich. Wenn du mich nicht enttäuschst, dann liebe ich dich. Oder noch verschärft formuliert: Solange du mich nicht ent­täuschst, kann ich dich lieben. Diese „Wenns“ (was immer darauf folgen mag), signalisiert die gnaden­lose und herzlose Bedingung.

Bedingungen stellt der Kopf. Es ist der Sieg des Kopfes über das Herz. Für Herz und Seele ist „Bedingung“ ein Fremdwort, ein Killer-Begriff.

Doch: Warum müssen wir diese Bedingungslosigkeit erst neu lernen? Lieben Kinder ihre Eltern nicht etwa bedingungslos? Und wenn Hunde zu uns eine Beziehung aufgebaut haben (bei Katzen ist es schwieriger), dann stellen sie an ihre Zu­neigung keine Bedingung, nicht einmal gefüttert zu werden.

Ist Liebe nicht im Grunde immer bedingungslos? Anders ge­fragt: Wenn man seine Zuneigung an Bedingungen stellt, ist es dann überhaupt noch LIEBE, schwindet sie dann nicht wie ein geplatzter Luftballon?

Was wird aus dem „Verliebtsein“? Verpufft!

Vielleicht führt uns eine andere Frage zur Lösung: Warum fällt es uns so schwer, bedingungslos zu lieben? Haben wir „schlechte Erfahrungen“ gemacht, die uns Grund zu einem ab­grund­tiefem Misstrauen geben?

Wir wurden als Kinder verletzt. Sicherlich nicht alle, aber die meisten. Und Verletzung bedeutet, das Vertrauen Stück für Stück zu verlieren: das Urvertrauen, das die Welt es mit uns GUT meint und sich um unser Wohlergehen sorgt.

Ich habe als junger Mann daran gezweifelt, dass es Sinn macht, Kinder in diese feindliche, menschenunfreundliche Welt zu setzen: unverantwortlich, wie mir schien. Doch wer sollte diese Welt dann ändern? Und dann war sie schwanger und die kleine Seele war wohl stärker als mein Misstrauen – und das kleine Wesen wurde mit Freude empfangen.

Ich habe als junger Mensch immer an das Gute im Menschen geglaubt. Doch die Psychologie der damaligen Zeit themati­sierte unsere „aggressive Natur“, unseren „Todestrieb“. Es war eine regelrechte Erlösung, als die Psychologie die Wende vollzog zur „humanistischen und positiven Psychologie“. So lange ist das gar nicht her. Und es braucht oft mehr als eine Generation, bis solch eine Wende in der Theorie sich dann auch in der alltäglichen Lebens-Praxis umgesetzt hat.

Und hat nicht die ganze Natur zu Recht dieses Urvertrauen? Dass nach der Nacht wieder der Tag und der Sonnenschein kommt? Dass nach dem Winter der Frühling wieder ins Land zieht? Dass alle Verletzungen die Selbstheilungskräfte akti­vieren?

Dass, wie tief wir auch fallen, wir immer in Gottes Hand fallen?

Ich will hier keinen spannenden Liebesroman schreiben (am Ende finden die Dual-Seelen sich …), sondern gleich zum Punkt kommen: Wir müssen lieben lernen – als lebenslange Aufgabe – und das, ohne Bedingungen zu stellen. Der Seelenpartner ist nicht die Bedingung für eine erfüllte Liebe, sondern der „Sparring-Partner“. Vielleicht ist das sogar der Sinn unseres Daseins als Menschen. Es sind sicherlich „histo­rische Bedingungen“ (die Gesellschaft und Kultur des Waren­tausches und des Patriarchats), die uns voller Misstrauen ins Schneckenaus haben zurückziehen lassen, dem Leben im Panzer. Doch tut es mir, uns und den anderen gut mit solchen Panzern? 

Können wir überhaupt leben, ohne verletzt zu werden und andere zu verletzen? Als Engel im Himmel viel­leicht. Doch haben wir uns zu dieser Inkarnation im Jammer­tal der Erde entschlossen. Es ist die Hölle, wenn wir nicht lieben lernen und sanft mit uns umgehen. Und wenn wir endlich auch gelernt haben, unsere „Feinde zu lieben“, dann erkennen wir doch auch, dass sie NIEMALS unsere Feinde waren, sondern nur Ein­bildungen unserer phantastischen Lieblosigkeit.

Die Herausforderung und der Lohn ist es natürlich, sich selbst lieben zu lernen. Wäre es nicht das Paradies auf Erden, wenn jeder gelernt hätte, sich selbst bedingungslos zu lieben?

Und ich wage eine Prophezeiung: Sobald wir es (über die Inkarnationen) gelernt haben, uns selbst be­dingungs­los zu lieben, dann sind wir unsterblich wie die Götter!

Heißt es nicht schon seit unserer Antike (als Weisheit unserer Urahnen): Menschen sind sterbliche Götter und Götter unsterbliche Menschen. Also DANN … auf zu unserer Unsterblichkeit!
Unsere Seele kennt sich da aus.

3 Gedanken zu „Bedingungslos lieben lernen“

  1. Liebe, bedingungslos. Solch ein weites Feld!
    Ich kann gut mitgehen mit Deinen Überlegungen dazu.

    Sofort fiel mir ein Erlebnis mit meiner großen Tochter ein, sie war 20, ihr Äußeres hatte sie zu dieser Zeit so gestaltet, dass sie sowohl mit dem Stil der Kleidung (abgewetzte Schlabberjeans, alter, großer Parka) als auch mit ihrer Frisur (eine Seite lang und grün, die andere Seite 3 mm kurz und feuerrot) beim Einkauf mit mir in unserer schwäbischen Kleinstadt (Kehrwoche!) Aufsehen erregte .
    Es berührt mich bis heute, viele Jahre später, wie tief ich bei diesem gemeinsamen Gang (teilweise fühlte es sich ein wenig wie Spießrutenlaufen an, ehrlich!:-)) meine Liebe zu meiner Tochter fühlte. Ja, es war wohl mehr als ein Gefühl. Ich spürte auch gleichzeitig die Kraft, die darin liegt.

    Und ja, bedingungslose Selbstliebe mag ein bedeutendes Schlüsselwort sein für eine neue Erde.

    Hören wir nicht auf, heilendes Licht auf die Schatten unserer Seele zu bringen, bis sie wieder befreit, rein und bedingungslos zu lieben vermag, so, wie es ihrem natürlichen Wesen entspricht.

    Danke, lieber Jürgen, für Deinen Impuls, der mich heute ganz neu in die Kraft der Liebe führt.

    1. Das erinnert mich an meine Kinder. Mit meinem Sohn hatte ich nie Konflikte. Ich glaube, es war immer eine gute Vater-Sohn-Geschichte. Ich weiß aber auch nicht, was ich alles von ihm NICHT mitbekommen habe …
      Meine Tochter (3 Jahre jünger) hat eine Zeitlang sehr provokativ gelebt. Sie hatte 13 Ratten (und kümmerte ich sehr liebevoll um sie), blaue lange Haare (auf schwarz). Sie war eher der Punk und musste sich ausprobieren. Sie ist eine wirklich sehr selbstbewusste Frau geworden und hat Indologie studiert (Sanskrit).

  2. Ja, dass mit der Liebe, so einfach – und doch so kompliziert. Wohl das größte Thema unserer Menschheit. Deine Gedanken und Ausführungen dazu, gefallen mir sehr gut.

    Du schreibst: Wenn man seine Zuneigung an Bedingungen stellt, ist es dann überhaupt noch LIEBE? Eine gute Frage die sich selbsterklärend den Boden unter den Füßen oder besser gesagt unter der Liebe wegkatapultiert. Aber worauf baut dann unsere Liebe? Auf ILLUSIONEN? Auf SEIFENBLASEN? AUF LUFTBALLONEN? Auf IRRTÜMERN? Umhüllt mit dem Mantel irgendwelcher Rechtfertigungen. Aufgehübscht durch die große Sehnsucht?
    Und noch immer wird zum überwiegenden Teil die Liebe im Außen gesucht. Und das Drama nimmt seinen Lauf………

    Und dann: Können wir überhaupt leben, ohne verletzt zu werden und andere zu verletzen. Jammertal hier auf Erden, trifft es ganz gut.

    Das Paradies auf Erden ist zum greifen nah, wenn jeder gelernt hat sich selbst bedingungslos zu lieben. Ich denke es ist gerade dieses Wissen, irgendwo ganz tief in uns, diese große Sehnsucht nach diesem verlorengegangenem Paradies die uns vom Ersten Atemzug bis zum Letzten Atemzug begleitet. Auf der großen Suche, finden dann doch immer mehr. die Ominöse Eintrittskarte zum Paradies – hoffentlich vor dem letzten Atemzug.

    Von Herzen Danke lieber Jürgen

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