
Heute, noch früh am Morgen, nehme ich sie wieder einmal besonders deutlich wahr, die Spannung im Außen, die Spannung in mir. Diese gefühlte Spannung mitten in der Ruhe vor einem womöglich großen Sturm, der meine/unsere bisherige Welt umbruchartig aus den Angeln zu heben in der Lage sein mag.
Seit Monaten nehme ich beim Blick von hier oben aus dem Bergigen die Atmosphäre unten im Tal bei den Häusern und Dörfern wie unter einer Dunstglocke liegend wahr. Verhalten, wie kurz vor dem Stillstand, gedämpft, verlangsamt, entschleunigt, vereinzelt, minimiert, huschend, reduziert. Selbst das sonntägliche Glockengeläut wirkt ein wenig verloren.
Möglicherweise ist es das Geschenk der besonderen Zeit in diesen Monaten seit März 2020, dass wir– nachdem die Bewegung im Außen großteils auf ein lebensnotwendiges Minimum herunterverordnet wird – leichter als jemals zuvor unsere Aufmerksamkeit nach innen, in uns selbst wenden können, um in allen von uns bisher übergangenen Nischen, Tiefen und Unebenheiten die Altlasten dieser inneren Räume einem heilenden Prozess zu zuführen. Eine Gelegenheit also, die ergriffen werden möchte, um uns als Ausgleich ein Gefühl von neu kreierter, klarer und reiner innerer Ordnung zu eröffnen, nachdem wir bereit gewesen sind, durchaus Unangenehmes zu durchfühlen und zu transformieren.
Ich zumindest kann mich nicht erinnern, mich ähnlich langanhaltend und intensiv solch innerer Arbeit gewidmet zu haben. Und dabei fühlt es sich an manchen Tagen so an, dass sich umso mehr zu Erledigendes auftut, je mehr ich hinschaue.
Ich bin gern für mich, mehr noch, es sehnt mich regelmäßig danach, allein zu sein, Zeit nur für mich zu verbringen. Einfach mit mir zu sein, dabei die Gedanken des Verstandes zur Ruhe kommen zu lassen, genieße ich. Meinen Impulsen frei folgend kann ich so in den Zauber des Moments eintauchen. Wenn ich von Stille umgeben bin, kann ich nach innen lauschen und die Stimme meiner Seele klarer wahrnehmen.
Kostbar, solche Zeiten für mich, in denen ich mich neu in meiner Mitte ausrichte, in denen ich bewusst in Verbindung gehe mit meiner mir innewohnenden Kraft, mich innerlich neu aufrichte, genüsslich und tief durchatme – ein und aus, Pause, ein und aus, Pause – und das sich angenehm ausbreitende Gefühl gelassener Ruhe, eines tiefen Friedens in mir wahrnehme.
Dankbar bin ich für solche Momente, von Herzen dankbar, und wie ganz natürlich gebe ich all meinen Überschuss dieser sich so zeigenden Energie weiter ans Kollektiv als mein Beitrag für das Feld wohltuender und stärkender Frequenzen.
„Abgelegen, abgeschirmt, isoliert, zurückgezogen, vereinzelt, allein, einsam, versteckt, für sich, außerhalb, entfernt“ wird die Lage unseres Hauses jenseits des Baches, hinter dem Wäldchen, umgeben von hügeligen Wiesen und Weiden beschrieben.
Die Lage des Grundstücks war es gewesen, die uns damals beim Kauf besonders angezogen hatte. In erster Linie intuitiv ist unsere Entscheidung dafür zustande gekommen. Das fühle ich heute noch klarer als damals vor eineinhalb Jahren.
So sehr ich das Leben in dieser Abgeschiedenheit schätze, so sehr steht es gleichzeitig dafür, dass ich damit einem mir seit früher Kindheit erworbenen Muster folge. Dem Muster des Rückzugs als Überlebensstrategie. Aus dem wieder und wieder erlebten schmerzhaften Gefühl heraus, nicht dazu zu passen, zu gehören, zu viel, zu laut, zu anstrengend, zu anders zu sein.
Eine liebe Weggefährtin fasste ihre Erfahrungen rückblickend zusammen in der Formulierung „das Leben hat mich lange und gut vorbereitet auf meinen heutigen Platz und meine heutige Aufgabe“.
Ihre Erkenntnis, ich erinnere mich deutlich an diesen Moment im vergangenen Sommer, warf für mich ein ganz neues Licht auf die Qualität meiner Überlebensstrategie.
Die Weisheit meiner inneren Stimme hat mich hierher an diesen Platz, zu dieser Zeit geführt. Alles ist gut, genau so, das Leben hat mich wohl vorbereitet auf dieses oft gefühlte Einsiedlerdasein zu zweit.
Seit sich diese Erkenntnis in mein Bewusstsein verankert hat, komme ich mehr und mehr mit der Stärke in Verbindung, die in meinem Muster verbogen liegt.
Das Gefühlte „allein auf verlorenem Posten“, nicht richtig zu sein, gegen den Strom zu schwimmen wandelt sich zunehmend ins Annehmen, mich dem Weg hinzugeben, der sich mir zeigt und die kommenden Schritte im Vertrauen in mich und in die Anbindung an die göttliche Quelle in mir zu gehen. Auch, wenn es ein eher einsamer Pfad ist, an manchen Stellen schmal und zugewachsen, ich liebe seine Schönheit. Es ist mein Weg. Genau diese Erfahrung hat sich meine Seele ausgesucht.
Alles ist in mir und immer bereit, wieder entdeckt zu werden.
Ich spüre die Erleichterung darüber, die sich beim Schreiben zeigt, wie sich ein mich einhüllender transparent grauer Schleier hebt, und freies Atmen ermöglicht.
