Gibt es eine neue Spiritualität?

Als Konfuzius gefragt wurde,
was er als erstes machen würde,
wenn er der Kaiser von China wäre,
antwortete er zur Überraschung aller:
„Die Klarstellung der Begriffe.“

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde;
denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen,
auch das Meer ist nicht mehr.
Johannes-Evangelium; Offenbarung 21,1

Es gibt etwas, das wir das SEIN bezeichnen, das ewige SEIN.
Im SEIN, gibt es kein WERDEN, keine Entwicklung. ES IST EIN-FACH („non-dal“).

Dieses SEIN ist keine rein philosophische Kategorie (obwohl Philosophen
gerne darüber philosophieren), sondern erfahrbar.
Jede Meditation will dieses SEIN, diese LEERE, diese EWIGKEIT erfahrbar machen: Ruhen in der Stille. Stille als Klang der Seele. Wir SIND das ewige SEIN und es ist für uns erfahrbar. Tiere und Pflanzen, Seen und Gebirge nehmen dieses SEIN allzeit gedankenlos wahr.

Meine „Formel des absoluten Seins“ ist: 0 = 1. [Lies: Das NICHS und das ALLES sind EINS.] Und wir finden hier schon eine weitere philosophische Grundkategorie: das Absolute und das Relative.

Ist dieses SEIN spirituell? Ist dieses SEIN die EWIGE SPIRITUALITÄT ohne Neues? Und mit diesen Fragen kommen wir schon „in Teufels Küche“,
verstricken wir uns bereits heillos in der Dualität von SEIN und WERDEN.

Laotse hat schon gleich in seinem ersten Vers des TAO TE KING gewarnt:
„Das TAO, das man begreifen und lehren kann,
ist nicht das ewige unveränderliche TAO.
Das Wort, das man aussprechen kann,
ist nicht das ewige, unveränderliche Wort.“

Mit anderen Worten: Sobald wir versuchen, das SEIN zu definieren,
begrenzen wir es und es ist nicht mehr das ewige, absolute, unveränderliche SEIN. „Das SEIN ist das SPIRITUELLE.“ – ist bereits eine solch unglückliche Definition.

(Worte) Sprache kann nicht das ABSOLUTE erreichen,
das ausgesprochene und geschriebene Wort ist immer aus der Welt des RELATIVEN.

„Was für ein herrlicher Sonnenuntergang!“
Der Satz meint keinen „absolute Sonnenunterlang“ – die Sonne denkt gar nicht daran, unterzugehen. Es ist nur eine Wahrnehmung einer relativen Perspektive.
Da geht sie auf – dort geht sie zur gleichen Zeit unter.
Und überhaupt: Gibt es auch einen „dämlichen“ Sonnenunterlang?!
Und doch „dürfen“ wir sagen: „Was für ein herrlicher Sonnenuntergang.“ Und der anderes stimmt zu.

Wenn wir uns herantasten, was die „Neue Spiritualität“ sein könnte,
dann sind wir nicht im absoluten SEIN, sondern im relativen WERDEN –
und es kann sehr viele Bedeutungen haben!

Ganz persönlich:

Ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, war Messdiener, Pfadfinder und wollte als Jugendlicher gar Priester werden!
Dann kamen die 68er – ich politisierte mich und wurde Atheist.
Es dauerte Jahrzehnte, bis ich wieder einen Zugang zum Spirituellen bekommen habe. Es war aber kein „Zurück in die Arme der katholischen Kirche“, sondern etwas NEUES, das inzwischen sehr, sehr viele Aspekte hat. Jesus war nicht mehr der „Gekreuzigte“, sondern das Vorbild für einen NEUEN MANN. Ich konnte mit Jesus „sprechen“.
Ich lernte aus der östlichen Spiritualität das Meditieren, das uneigenwillige Handeln. Es war für mich so NEU, dass ich im nicht den Namen „Religion“, auch nicht „Esoterik“ geben wollte, sondern SPIRITUALITÄT. Die „Neue Spiritualität“ war für mich JENSEITS von Religion und Esoterik. Aber was heißt schon „jenseits“? Gibt es ein Diesseits und Jenseits in der non-dualen Welt des SEIN überhaupt?

Wie dem auch sei: Ich war kein Sonderling – im Gespräch mit anderen merkte ich, dass es ihnen genauso ging: eine Rückverbindung an das „Spirituelle“ ohne einen Rückfall ins Religiöse oder Esoterische. Es war offensichtlich nicht nur in meinem Leben: NEU, sondern für viele Menschen!

Dazu gehörte auch, ALTE TEXTE aus den Traditionen NEU ZU INTERPRETIEREN.

Dann denke ich, dass die Reformation des 17. Jahrhunderts (Luther, Calvin, Zwingli) auch die Welle einer neuen Spiritualität war, die die Welt verändert hat, den Allein­vertretungsanspruch der römisch-katholischen Kirche unterhöhlt hat. Und es wird uns bewusst, dass diese Kirche das ursprüngliche Christentum missbraucht und im Grunde die Staatsreligion des Römischen Imperiums wurde. Die Römisch-katholische Kirche wurde imperial. Da kämpften Heere gegeneinander, beide „im Namen Gottes“ und brachten Mord und Todschlag mit sich.
Gibt es etwas Perverseres?

Könnte es sein, dass wir heute eine „neue Welle einer neuen Spiritualität“ erleben, wie vor 400 Jahren die Reformation? Könnte für diese WELTWEITE WELLE die Bezeichnung „Neue Spiritualität“ angemessen sein?

Ein wesentliches Merkmal der „Neuen Spiritualität“ ist für mich,
die chymische Hochzeit von GEIST und SEELE als die beiden spirituellen Supermächte, des Göttlichen als liebendem Paar, die sich in jedem einzelnen vollziehen kann.

Manchmal denke ich, dass ich gerade aus diesem Grund zu dieser Zeit auf unserem Planeten Erde inkarniert bin, um meinen Beitrag für diese „Wendezeit zur Neuen Spiritualität“ zu leisten.

* „Chymische Hochzeit“ ist ein Begriff aus der Allchemie und meint die Neuverbindung des vormals Getrennten nach einigen Prozeduren zu einer Neuen Verbindung. (Profan: Blei in Gold verwandeln, was aber nicht wirklich das Ziel der Allchemiker war, sondern eher das der „Quacksalber“.)

Ein Gedanke zu “Gibt es eine neue Spiritualität?”

  1. «Ein wesentliches Merkmal der „Neuen Spiritualität“ ist für mich,
    die chymische Hochzeit von GEIST und SEELE als die beiden spirituellen Supermächte, des Göttlichen als liebendem Paar, die sich in jedem einzelnen vollziehen kann».

    In dieser Aussage ist für mich schon fast alles gesagt, worum es geht.
    Ja, auch ich fühle es in mir, hier zu sein, um diesen Übergang zu begleiten.
    Ich bin fast überzeugt, wir alle hier.
    Jeder mit seinen ganz besonderen Gaben und Fähigkeiten.

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